Der Radentscheid Darmstadt kritisiert die aktuelle Situation in der Kasinostraße scharf.
Seit fast eineinhalb Jahrzehnten ist der Stadt bekannt, dass die Radinfrastruktur dort mangelhaft und nicht regelwerkskonform ist. Nach der Klage eines Bürgers wurde nun die Benutzungspflicht auf weiten Teilen der Kasinostraße aufgehoben – ohne dass zugleich eine sichere, durchgehende Lösung für den Radverkehr geschaffen wurde.
Ab sofort müssen auch Kinder ab zehn Jahren auf einer vierspurigen Hauptverkehrsstraße zwischen Kfz- und Schwerverkehr fahren – ohne Radverkehrsanlage.
Bereits 2011 wurde die Stadt aufgefordert, die Radverkehrsführung zu überprüfen und die
Benutzungspflicht aufzuheben. 2012 sagte sie ein Gesamtkonzept für eine stetige und sichere Radführung zu, 2016/2017 kündigte sie die Planung der Aufhebung der Benutzungspflicht bis Sommer 2017 an – passiert ist jahrelang praktisch nichts.
Im März 2021 stellte ein Darmstädter Bürger einen Antrag auf Aufhebung der Benutzungspflicht. Ziel war ausdrücklich Wahlfreiheit, nicht die Sperrung der bestehenden Wege im Seitenraum: Wer sich auf der Fahrbahn sicher fühlt, sollte dort legal fahren dürfen, wer sich im Seitenraum sicherer fühlt, diesen weiterhin nutzen können – bis eine regelwerkskonforme, sichere Infrastruktur geschaffen ist. Die Stadt erkannte in ihrer Antwort selbst Handlungsbedarf an, kündigte eine Verkehrssimulation und die Prüfung
regelwerkskonformer Radfahrstreifen an und stellte Ergebnisse für den Herbst 2021 in Aussicht. Nach Verständnis des Radentscheids entspricht das, was Stadtrat Wandrey nun vorstellt, genau diesem damals angekündigten Projektstand – nur etwa vier Jahre später.
In der Magistratsvorlage 2023/0055 bezeichnet die Stadt die bestehende Führung als „mangelhaft“, erklärt die benutzungspflichtigen Radwege im Seitenraum für nicht mehr mit der Rechtslage vereinbar und sieht für den Lückenschluss ausschließlich eine Führung des Radverkehrs auf der Fahrbahn vor. Die Stadtverordnetenversammlung beschloss daraufhin einen Verkehrsversuch mit geschützter Radspur im südlichen Abschnitt zwischen Rhein- und Julius-Reiber-Straße. Aus Sicht des Radentscheids ist nicht nachvollziehbar, dass dieser Versuch von Stadtrat Wandrey wieder abgesagt wurde – ausgerechnet dort,
wo es nie Radwege im Seitenraum gab und schon immer alle auf der Fahrbahn fahren mussten.
Weil trotz klarer Analyse der Verwaltung und mehrfacher Ankündigungen kein messbarer Fortschritt erzielt wurde, wurde der Antrag Ende 2024 vom Antragsteller in eine Untätigkeitsklage überführt. In der Folge wurde die Benutzungspflicht letzte Woche zwar aufgehoben, die bisherige Radverkehrsführung im Seitenraum aber gleichzeitig gesperrt – ohne zuvor eine durchgehende, sichere Fahrbahnführung einzurichten, obwohl entsprechende Konzepte seit Jahren vorliegen. Besonders problematisch ist der
Bereich der Kreuzung Pallaswiesenstraße: Hier bleibt die Benutzungspflicht bestehen, Radfahrende müssen sich vor der Kreuzung aus dem Fahrbahnverkehr „ausfädeln“ und danach wieder in den mehrspurigen Kfz-Verkehr einfädeln. Diese erzwungenen Spurwechsel erzeugen zusätzliche Konflikte und Risiken, gerade für Kinder und unsichere Radfahrende.
Hinzu kommt: Die Stadt hat als Hauptargument gegen eine Führung des Radverkehrs auf der Fahrbahn (geschützt oder ungeschützt) im Bereich der Pallaswiesenstraße jahrelang einen angeblich sehr hohen Aufwand für die Umprogrammierung der Lichtsignalanlage angeführt. Inzwischen ist bekannt, dass intern von Kosten im Bereich von 15.000 bis 30.000 Euro ausgegangen wurde – aus Sicht des Radentscheids kein ausreichender Grund, um einen unsicheren Zustand über Jahre zu konservieren.
Nach ERA 2010 und E Klima 2022 ist auf einer vierstreifigen Stadtstraße wie der Kasinostraße der fachliche Regelfall: Fahrstreifen reduzieren und durchgängige, möglichst geschützte Radfahrstreifen auf der Fahrbahn anlegen. Die Stadt macht stattdessen das Gegenteil: Sie hebt die Benutzungspflicht auf, sperrt den Seitenraum und lässt Kinder ab zehn Jahren und unsichere Radfahrende ohne Schutz zwischen Kfz- und Schwerverkehr fahren. Das widerspricht dem Stand der Technik und verschlechtert die Situation für den Radverkehr.
Der Radentscheid erinnert daran, dass an der Kasinostraße mindestens drei Kreuzungen liegen, die seit 2016 ein erhöhtes Unfallrisiko für Radfahrende aufweisen, und fordert die Stadt auf, ihre Verpflichtung zu „Vision Zero“ ernst zu nehmen. Oberbürgermeister und Verkehrsdezernent tragen die politische Verantwortung dafür, dass anerkannte Planungsgrundlagen wie ERA 2010, E Klima 2022 und Vision Zero endlich umgesetzt werden.
Der Radentscheid Darmstadt fordert mindestens:
- eine durchgehende, einheitliche Führung des Radverkehrs auf der Fahrbahn über die gesamte Kasinostraße inklusive aller Kreuzungen,
- Sofortmaßnahmen zur Information des Kfz-Verkehrs (Piktogramme, Beschilderung, Kommunikation),
- die Überarbeitung der verkehrsrechtlichen Anordnungen, damit die seit Jahren vorbereitetennFahrbahn-Lösungen vollständig umgesetzt werden,
- einen verbindlichen, transparenten Zeitplan für die „große Lösung“ mit klaren Zwischenschritten,
- und die schnelle Beseitigung regelwidriger Hindernisse in Kreuzungsbereichen, die Sichtbeziehungen zwischen Kfz- und Radverkehr einschränken.
Nach über 13 Jahren Diskussion steht Darmstadt nun vor einer höchst unbefriedigenden Interimslösung, die neue Risiken zu Lasten des Rad- und Fußverkehrs erzeugt. Die Stadtspitze muss ihrer Verantwortung gerecht werden und die Kasinostraße endlich zu einem positiven Beispiel für sicheren Radverkehr machen – statt zu einem Dauer-Symbol für verkehrspolitische Verzögerung.
Hinweise:
Dies ist eine Kurzversion einer Presseinformation vom 30.11.2025
Der zugrundeliegende Antrag auf Aufhebung der Benutzungspflicht wurde von einem in Darmstadt wohnenden Bürger gestellt, der seine Rechte als Privatperson geltend gemacht hat.




